Das Märchen von Wolkenschloßland
Dieses Märchen entstand im Kopf eines kleinen Kindes und wurde von einer Frau beendet. Auch Märchen brauchen manchmal lange. Es wurde aus Liebe aufgeschrieben und ich hoffe, daß es dich ein wenig erfreut.
(Copyright by Marion Hallalel)
Es war einmal ein Gedanke, der unbedingt ein Wort werden wollte. Nun, so sollte er es werden. Das aber reichte dem Gedanken nicht. Nun wollte er ein Satz werden. Auch das wurde ihm gewährt. Da ihm aber auch der Satz nicht genug war, drängte er darauf eine Geschichte zu werden. Und so entstand:
Das Märchen von Wolkenschloßland
Vor langer, langer Zeit - als die Tiere noch sprechen konnten - lebte in einem winzigen Dorf ein kleines Mädchen. Ihr Name war Rosalie und sie hatte blonde Zöpfe. Rosalie war immer lustig und auf der Suche nach Abenteuer. Ihrer Eltern hatten ihre liebe Not mit ihr, da sie nie genau wußten, wo sie sich aufhielt oder was sie gerade wieder anstellte. Rosalie aber fand in allem was sie sah ein Abenteuer.
Da begannen Steine zu leben und mit ihr zu reden. Sie erzählten ihr von den Menschen und Tieren, die ihnen begegneten. Bunte Glasscherben wurden im Sonnenlicht zu strahlenden Juwelen und Rosalie war der reichste Mensch der Welt. Eine Kuh wurde zu einem Ross und der Schusterjunge zum Prinzen. Aber der größte aller Prinzen und Könige lebte in Blau des Himmels. Die Sonne war seine Krone und der Mond sein Zepter. Die Sterne verwandelte sich in Diamanten, die seine Kleider aus nachtblauem Samt bedeckten. Die Wolken am Tage aber waren die Standorte seines Palastes und der Häuser seiner Untergebenen. Die kleinen Schäfchenwolken konnte man die Entfernung zwischen den einzelnen Häusern oder aber zum Palast überwinden. Man setzte sich einfach darauf und schon wurde man an den Ort gebracht, den man sich wünschte.
Daher kann dieses Königreich auch den Name Wolkenschloßland. Der König von Wolkenschloßland aber war so Herzens gut und gerecht, daß alle - ob nun Mensch oder Tier - niemals die Trauer oder den Kummer kennengelernt haben. Wenn es regnete, dann waren es Tränen des Glückes oder ein Strahl des Wassers aus dem Brunnen des Königs. Dieser stand in einem Garten voll von Tausenden bunter Blumen. Schmetterlinge flatterten von Blüte zu Blüten und die Vögel sangen dazu ein liebliches Lied. Rosalie versuchte bei Regen die einzelnen Tropfen mit der Zunge aufzufangen und meinte, sie würden nach Honig und Wein schmecken. Wenn es aber blitzte und donnerte, dann feierte der König mit seinen Untergebenen ein rauschen des fest mit einem gar wundervollen Feuerwerk. Nie gab es Streit im Wolkenschloßland. Nie Kriege oder Krankheiten. Rosalie wußte das alles und wäre nur zu gern dabei gewesen. Da gab es nur ein Problem. Der Zugang zu Wolkenschloßland gestaltete sich ziemlich schwierig, da er sehr verborgen und vor dem Blicken der Menschen versteckt lag. Nur ein Mensch mit reinen Gedanken und mit der absoluten Liebe im Herzen war in der Lage, den Zugang zu finden. Hass, Grausamkeit und Wut mußte diese Menschen fremd sein. Nur dann hatte er die Möglichkeit nach großen Mühen den Zugang zu Wolkenschloßland zu finden.
Wenn er ihn gefunden hatte, so war es ihm erlaubt, das Land zu betreten und sich umzusehen. Er durfte solange bleiben wir möchte, auch wenn das bedeutete, daß er für immer im Wolkenschloßland blieb. Viele nahmen diese Möglichkeit wahr. Aber viele andere kehrten zurück und die dort gefundene Liebe in die Welt zu tragen und weiterzugeben. Diese allerdings mußten vor dem Verlassen von Wolkenschloßland ein Versprechen geben. Sie durften oder gar keinen Umständen den Zugang zu Wolkenschloßland an andere verraten. Dieses Versprechen gaben sie gern um das Land vor bösen Blicken und Gedanken zu schützen. Auch Rosalie wußte von dem verborgenen Zugang und wollte sich auf die Suche danach machen. Sie stellte sich vor, wenn sie nur lange genug laufen würde, dann würde sie wohl irgendwann dort ankommen. Gesagt - getan. Sie schnürte sich Bündelchen mit etwas Brot und einer Flasche Wasser und begab sich auf die Suche. Es sollte eine sehr lange Suche werden. Die Menschen, ihr begegneten und die sie nach dem Weg fragte, zuckte nur mit den Schultern und dann zu Boden, damit niemand ihre Gedanken erkennen konnte. Da war so viel Kummer, Angst, Wut und auch Hass der sie daran hinderte, den Kopf zu heben und in den Himmel zu sehen. Und erst dann doch mal einer tat, dann schimpfte er über das Wetter. Dann war die Sonne zu heiß, der Regen zuviel oder zuwenig, der Wind zu stark unter Schnee zu kalt. Keiner konnte die Schönheit erkennen. Das Leuchten der Sondenkrone und der Glückstränen des Regens. Noch weniger aber die Schönheit und Einzigartigkeit der Schneeflocken. Diese wurden nämlich - so wußte Rosalie - von den Kindern im Wolkenschloßland hergestellt und dienten einzig dem Zweck, die Menschen auf der Erde zu erfreuen. Diese aber verstanden das nicht. Bis auf ein paar wenige die sich - so wie Rosalie - auf der Suche befanden. Diese waren dann beglückt ob der sich bietenden Schönheit. Bald schon härter Rosalie, daß es nicht so einfach sein würde, den Zugang zu finden. Sie begab sich immer weiter fort von zu Haus. Sie lief und lief. Ihr Weg führte sie durch Täler, über Berge und Jahre. So verging die Zeit. Mit der Zeit, die verging, verlor Rosalie immer mehr dem Gedanken und Glauben an Wolkenschloßland. Die bemühte sich nun um ein Leben auf der Erde, so wie es von anderen Menschen erwartet und vorgelebt wurde. Sie heiratete, zog Kinder groß und versorgte den Haushalt. Aber immer, in einem ganz kleinen Winkel ihres Herzens wußte sie, daß es noch etwas anderes, wichtiges und einzigartiges für sie zu tun gab. Aber sie konnte sich nicht mehr erinnern, was es war. Die Sorge um die Familie, die Kinder und die ständigen Geldsorgen ließen sie gebeugt und mit gesenktem Blick laufen. Manchmal, in einer kleinen Sekunde der Besinnung, kam eine winzige Erinnerung an ihre Suche nach Wolkenschloßland. Dann schritt sie ein Gedicht, welches sie aber sehr schnell zur Seite legte, das niemanden interessierte und sie nicht die Zeit hatte darüber nachzudenken. So verging Jahr um Jahr. Sie wurde verbittert und einsam. Aber niemals empfand sie Hass oder Wut. Sie passte sich an und versuchte mit den Strom zu schwimmen. Das ging über viele, viele Jahre auch recht gut. Eines Tages aber Saarländer Wasser holen am Fluss auf die Wellen. Just in diesem Moment zerteilten sich die Wolken und Rosalie sah das Spiegelbild der morgendlichen Sonne auf dem Wasser. Das Geschehen so gut, daß sie den Blick um und zum Himmel hinauf sah. Sie stand erstaunt ob der Schönheit die sie nun zu sehen bekam. Der Himmel färbte sich rosa und violett in den Strahlen der aufgehenden roten Sonne. Da fiel Rosalie ihre Suche wieder ein. Aber noch entlockte dieser Gedanke ihr nur ein müdes Lächeln. Sie wußte nicht, wo sie ihre Suche hätte beginnen oder vielleicht fortsetzen sollen. Der König von Wolkenschloßland aber wußte, daß Rosalie auch in den langen Jahren ihrer Traurigkeit niemals Hass oder Wut empfunden hatte. Er wußte, daß ihr Herz - wenn auch müde - so doch voller Liebe war. Und das wollte er ihr lohnen. Er ging zu dem Springbrunnen in seinem Garten und leitete den Strahl des Wassers zu Rosalie. Es begann ganz leicht zu regnen. Rosalie war überrascht und betrachtete erstaunt wie sich das Sonnenlicht in den Regentropfen spiegelte. Durch die Farben der vielen Blumen im Garten des Königs und durch das Licht der Sonne entstand ein Regenbogen. Er war so schön und so voller Liebe und Licht, daß Rosalies Herz sich aus der jahrelangen Umklammerung befreite und sie hemmungslos zu weinen begann. Nun wurde ihr bewußt, was sie die viele Jahre vergessen hatte. Sie erinnerte sich an ihre Suche nach Wolkenschloßland und war fest entschlossen, diese wieder aufzunehmen. Nur wußte sie auch, wo sie ihre Suche beginnen sollte. Sie suchte nach dem Ende des Regenbogens. Sie warf die Last der Jahre von sich und schnürte wieder einmal im Bündel. Doch diesmal befand sich kein Brot und Wasser in dem Bündel sondern Liebe und Verständnis. Auch für die, die sie bei ihre Suche zurücklassen mußte. Als sie nun schon lange unterwegs war, begegnete ihr ein Reiter hoch zu Ross. Dieser Reiter erkannte die Liebe in Rosalies Bündel und in ihrem Herzen und bat sie, diese doch mit ihm zu teilen. Rosalie war nur zu gerne bereit dazu da sie erkannte, daß er auf der Suche nach demselben war wie sie auch. Es konnte also nicht schaden, bei der Suche einen Gefährten zu haben. Gemeinsam gingen sie weiter. Immer mehr teilten sie miteinander. Keiner vergaß den anderen. Alles wurde besprochen. Eines Tages nun, als die Vertrautheit zwischen Rosalie und dem Reiter schon sehr weit fortgeschritten war und sich zwischen beiden schon mehr als nur Vertrautheit zeigte, da erkannte Rosalie die Wahrheit über den Zugang zu Wolkenschloßland.
Sie hatte das Ende des Regenbogens gefunden.
Der Regenbogen aber bildete eine Brücke und nach Wolkenschloßland zu gelangen. Voller Freude tanzte sie über die Farben des Regenbogens. Allein der Reiter konnte die Wahrheit noch nicht sehen. Noch zu sehr war sein Herz in Zweifeln gefangen. Sein Blick noch zu sehr am Boden verhaftet. Rosalie aber durfte es ihm nicht sagen. Er mußte den Weg selber finden. Aber sie wußte, daß auch er den Zugang finden würden. Sie würde ihn begleiten. Voller Glück kehrte sie zu ihm zurück. Sie konnte ihm nun zur Seite stehen und ihn immer wieder zu einer weiteren Suche ermutigen. Sie wußte, irgendwann würden sie beide gemeinsam über die Brücke gehen und die Tore von Wolkenschloßland durchschreiten. Für alle Zukunft würden sie dann in Liebe und Glück unter der Obhut vom König von Wolkenschloßland leben. Und dieses Glück sollte nicht der lange auf sich warten lassen. Das wußte Rosalie mit Sicherheit.
Ende